Folge 2: „Verbringe jeden Moment mit dem anderen Menschen als Ewigkeit – oder: Warum echte Hilfe nicht aufs Handy schielt!“
Also gut. Du hast 60 Minuten. Ein Face-to-Face-Gespräch. Ein Mensch vor dir.
In deinem Kopf:
• Der ausstehende Hilfeplan.
• Die Idee, etwas erreichen zu müssen.
• Die Zweifel, ob du überhaupt an der richtigen Stelle eingesetzt wirst.
• Die gerade verpassten Nachrichten und Anrufe
• Die eigene Einkaufsliste (Tofu, Zahnpasta, Nervennahrung).
Und jetzt kommt dieses Gebot mit Kalenderallergie daher und sagt dir:
„Verbringe jeden Moment mit dem anderen Menschen – als wäre es eine Ewigkeit.“
Ach? Wenn`s weiter nix ist!
Ewigkeit – in 60 Minuten? Ernsthaft?
Das klingt, als müsste man plötzlich heilig sein, um helfen zu können, um hilfreich zu sein. Weit gefehlt. Das Gebot meint nicht, dass du die Gesprächsatmosphäre in Goldfolie einwickeln sollst, oder ein anderer, ein nahezu perfekter Hilfetypus sein sollst. Im Gegenteil!
Es meint: Sei da! Echt. Ganz. Mit all Deinen Talenten und all Deinen Fehlern, aber stell diese Einzigartigkeit bitte komplett in dem Moment in den Dienst für dein Gegenüber.
Nicht zwischen Tür und Nachrichten-Narrheiten. Nicht mit deinem Smartphon vor dir. Sondern mit dem, was du als vornehmste allgemeinmenschliche Fähigkeiten hast: Aufmerksamkeit, Präsenz, die Bereitschaft zuzuhören, nachzufragen und niemals gleichgültig zu sein.
Diesen Gedanken, dieses Gebot der Hilfeleistung – dass es gilt, die meist (zu) kurz bemessene Zeit der Hilfeleistung als wertvolle Gabe, als großes Geschenk zu verpacken und als kleine Ewigkeit zu verbringen – verdanken wir keinem spirituellen Lehrer, sondern dem großen Psychiater und Sozialethiker Klaus Dörner, der das in seinem Buch „Der gute Arzt“ eindrücklich formuliert hat. Und wenn das jemand weiß, dann wohl einer, der ein Leben lang dafür gekämpft hat, dass Hilfe nicht zur Dienstleistung verkommt, sondern Besonderheit verdient hat und echte Begegnung bleibt. Wie dem auch sein.
„Jemand, der wirklich gut zuhören kann, ist klar im Vorteil“
Nicht, weil er die besten Lösungen hat, sondern weil er verstanden hat, dass echte Hilfe oft dort beginnt, wo die eigenen Ratschläge endlich mal die Klappe halten.
Zuhören ist keine Technik. Es ist eine Haltung. Eine Zumutung. Eine Kunst. Und manchmal auch ein Abenteuer – besonders, wenn man dem anderen wirklich begegnet, ohne ihn gleich therapieren, erklären oder retten zu wollen.
Wer das kann, rettet vielleicht nicht die Welt. Aber eine Welt! Und er sorgt dafür, dass sie wenigstens für den einen besonderen Menschen vor dir für einen Moment nicht untergeht.In einer Zeit, in der Multitasking als Superkraft gilt, in der die Aufmerksamkeitsspanne durch Instagram zurechtgestutzt wurde, und Hilfe oft nach Leistungseinheiten abgerechnet wird, ist es fast ein Akt des Widerstands, einem Menschen wirklich zuzuhören – als gäbe es in diesem Moment nichts Dringlicheres. Für den anderen Menschen gibt es vermutlich auch in dem Moment nichts Dringlicheres.
Und das Verrückte ist, ihr bekommt einen Lohn dafür – Dankbarkeit und weniger Arbeit – Dankbarkeit für das einmalige Geschenk und weniger Arbeit, weil die meisten Probleme sich in der Erfahrung der Gemeinschaft selbst verzwergen.
Zuhören – nicht nur als Zuhör-Mimik
Du kennst das: Du sitzt da, nickst, sagst „Mhm“, „Ja, verstehe“ – aber innerlich bist du nicht da. Und der Mensch vor dir spürt das. Immer. Echte Präsenz lässt sich nicht simulieren.
Das Gebot fordert also keine Superkräfte, sondern den kleinen revolutionären Akt, jemandem die eigene ungeteilte Gegenwart zu schenken. Und das ist, im Ernst, radikaler als jeder systemische Kurzzeitansatz, radikaler als alle Inhalte in einer DTB-Fortbildung.
Und wenn du dich fragst, wer schenkt mir denn etwas? Dann antworte ich: Es ist ein Geschenk, durch das Antlitz des anderen Menschen in die ungeteilte Gegenwart gerufen zu werden, die eigenen kleinen Neurosen zu vergessen, die wir alle haben; es ist ein Geschenk, nicht zu analysieren, nicht zu bewerten, nur versuchen zu verstehen, was eigentlich immer verborgen bleibt. Neurobiologisch, als Assoziieren, ein ganz anderer Zustand als es unser rollengefärbtes Vernunfts-Ich kennt. Um Welten besser …
Du – nicht als To-do
Hilfesuchende Menschen sind keine Projekte. Keine „Fälle“. Kein psychisches Sudoku, welches du durchdeklinieren und dann abhaken kannst. Sie sind seltsam. Unlogisch. Besorgte, verängstigte, hilfebedürftige Menschen sind im Kontakt oft anstrengend und in der Umsetzung widerspenstig.
Aber genau da wird’s spannend. Wenn du deine innere To-do-Liste, deinen Erfolgsdruck kurz auf Pause stellst. Dann entsteht nicht nur Raum für Entwicklung beim Gegenüber. Sondern auch bei dir!
Denn Überraschung: Die Ewigkeit wirkt in beide Richtungen. Der Moment der tiefen Präsenz verändert den Helfenden. Er macht weich und wach, verletzlich – und irgendwie kompletter.
Und genau hier schleicht sich das Stück Sinn ein, für das du eigentlich mal gelernt, studierst hast. Zwischen Qualitätsbericht, Praxisgespräch und Supervision kann so eine Kleinigkeit schon mal verloren gehen.
Niemand braucht Profis auf Autopilot!
Dieses Gebot lädt uns nicht zur Kuscheltherapie ein – überhaupt nicht, sondern dazu, das eigene Profi-Dasein mal wieder durchzulüften, zu entstauben, von der reinen Lehre zu befreien.
Nicht alles durchfiltern, sich abgrenzen, abheften, analysieren, sich unangreifbar machen. Auch nicht das Gegenteil: „Jetzt weint halt alle mit!“ – sondern: Du darfst auch mal nicht wissen. Du darfst jemandem begegnen, ohne sofort etwas leisten zu müssen. Zielerreichung verfehlt, macht nichts, wir schreiben um: Frau X hat neue Ziele: „Ich möchte, dass man mir zuhört, mich nicht bewertet und dass ich nicht auf meine Krankheit reduziert werde. Ich möchte mich in meinem Tempo verändern und mich nicht an eine kranke Gesellschaft anpassen müssen!“
Fazit:
Verbringe jeden Moment mit dem anderen Menschen als Ewigkeit. Nicht, weil du musst, nicht weil es hier steht, sondern weil es manchmal das Einzige ist, was wirklich wirkt. Und weil es beide Seiten bereichert. Just jump!
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